Unter dem Begriff Angststörungen versteht man psychische Erkrankungen, die sich durch exzessive, anhaltende und nicht situationsangemessene Angstzustände äußern. Die Angst tritt regelmäßig auf, ist unverhältnismäßig stark, schränkt dich im Alltag ein und hält über einen längeren Zeitraum an. Oft beginnst du, bestimmte Situationen, Orte oder Aktivitäten zu vermeiden. Angst selbst ist zunächst nichts Krankhaftes. Sie ist die natürliche Reaktion des Menschen auf Gefahren und dient als Schutzmechanismus. Sie äußert sich auf vier Ebenen deines Erlebens und Verhaltens.
Auf kognitiver Ebene
Das betrifft Denken, Aufmerksamkeit und Konzentration. Typisch sind eine Einengung der Wahrnehmung auf gefahrenrelevante Reize, Katastrophisieren, eingeschränkte Konzentration, Grübeln und eine Verengung des Denkens auf die eigenen Befürchtungen.
Auf emotionaler Ebene
Anspannung, innere Unruhe, das Gefühl von Bedrohung oder Kontrollverlust, Nervosität, manchmal auch Reizbarkeit und Panik bis hin zur Todesangst.
Auf Verhaltenebene
Flucht, Vermeidung, Rückzug, Isolation und sogenanntes Sicherheitsverhalten, also alles, was du tust, um dich in der gefürchteten Situation abzusichern.
Auf körperlicher Ebene
Herzrasen, Schwitzen, beschleunigte Atmung, Zittern, Enge oder Druck in der Brust, Schwindel, Übelkeit, Muskelverspannung, Kribbeln und Taubheitsgefühle. Viele Betroffene entwickeln dabei eine dauerhaft erhöhte Wachsamkeit und innere Alarmbereitschaft, fachlich Hypervigilanz genannt.
Diese vier Ebenen verstärken sich gegenseitig. Genau darin liegt die Dynamik, die eine Angststörung aufrechterhält.
Der Unterschied liegt nicht in der Art der Angst, sondern in ihrer Intensität, Dauer, Angemessenheit und der Auswirkung auf deinen Alltag. Diese Gegenüberstellung hilft dir bei der ersten Einordnung.
Wenn deine Angst ihre Schutzfunktion verloren hat und zu spürbaren Einschränkungen führt, spricht man von einer Angststörung. Allen Angststörungen liegt eine andauernde Fehlsteuerung des Angst-Stress-Reaktionssystems zugrunde. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wovor sich die Angst richtet und wie sie sich zeigt.
Angst kann sich durch das Zusammenspiel von Gedanken, körperlichen Reaktionen und Verhalten selbst verstärken. Eine zunächst harmlose Situation oder Körperempfindung wird als bedrohlich bewertet. Dadurch steigt die Angst, körperliche Symptome werden intensiver wahrgenommen und wiederum als Zeichen einer drohenden Gefahr interpretiert. Man spricht vom Teufelskreis der Angst. Vermeidung oder Sicherheitsverhalten können die Angst kurzfristig lindern, tragen langfristig jedoch dazu bei, dass sie bestehen bleibt oder sich weiter verstärkt.
Der Ablauf ist bei den meisten Betroffenen ähnlich:
Wahrnehmung
Du nimmst einen Gedanken oder eine körperliche Veränderung wahr, zum Beispiel ein schnelleres Herzklopfen, oder du gerätst in eine Situation, die du fürchtest.
Bewertung
Du deutest diese Wahrnehmung als bedrohlich. Aus "mein Herz schlägt schneller" wird “Ich verliere die Kontrolle”, “Die Situation ist gefährlich”, “Ich habe Todesangst”, “Es wird etwas Schlimmes passieren”.
Körperliche Reaktion
Der Körper schaltet in den Alarmmodus. Das Herz schlägt schneller, die Atmung beschleunigt sich, Muskeln spannen sich an, Schwindel oder Schwitzen können auftreten.
Verstärkte Wahrnehmung
Diese Symptome bestätigen scheinbar deine ursprüngliche Befürchtung, und der Kreis beginnt von vorn, nur stärker.
Aus diesem Kreislauf entsteht die sogenannte Erwartungsangst, oft beschrieben als Angst vor der Angst. Sie führt dazu, dass du Situationen vermeidest, in denen die Angst schon einmal aufgetreten ist. Kurzfristig bringt Vermeidung Erleichterung. Langfristig macht sie die Angst größer, weil du nie die Erfahrung machst, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt. Das ist keine Willensschwäche und kein Charakterzug. Es ist ein Lernmechanismus, der bei allen Menschen gleich funktioniert. Und weil er ein Lernmechanismus ist, lässt er sich auch wieder umlernen. Genau daran setzt die Verhaltenstherapie an.
Diese Formen können auch gemeinsam auftreten. Viele Betroffene erkennen sich in mehr als einer Beschreibung wieder. Die genaue Einordnung ist kein Selbstzweck. Sie entscheidet darüber, welche Behandlung wirkt, denn die Therapie einer spezifischen Phobie sieht anders aus als die einer generalisierten Angststörung.
Die Entstehung von Angststörungen ist multifaktoriell bedingt. Neben einer genetischen Veranlagung spielen neurobiologische Faktoren eine Rolle, etwa das Zusammenspiel der Botenstoffsysteme GABA, Serotonin und Noradrenalin. Dazu kommen psychosoziale Belastungen, frühkindliche Bindungserfahrungen und erlerntes Verhalten. Auch kritische Lebensereignisse, Traumata oder chronischer Stress können als Auslöser wirken. Den verschiedenen Angststörungen liegen dabei unterschiedliche Risikokonstellationen zugrunde. Gemeinsam ist ihnen eine Fehlsteuerung des an sich normalen Angst-Stress-Mechanismus, also der Kampf-Flucht-Reaktion. Es wird angenommen, dass das typische Vermeidungsverhalten die ursprünglich erlernte Angstreaktion langfristig verfestigt. Ohne Behandlung kommt es nur selten zu einer vollständigen Heilung.