Angststörungen: Symptome, Formen und Ursachen verstehen

Angst verstehen. Klarheit gewinnen.

Angst hat viele Gesichter. Sie schützt dich, sie warnt dich, und manchmal wird sie so stark, dass sie dein Denken, Handeln und Leben bestimmt. Auf dieser Seite findest du einen fachlich fundierten Überblick darüber, wann Angst zu einer Erkrankung wird, welche Formen es gibt, woran du sie erkennst und welche Wege aus ihr herausführen.

Auf einen Blick

  • Eine Angststörung liegt vor, wenn Angst unverhältnismäßig stark ist, über längere Zeit anhält, ohne echte Bedrohung auftritt und deinen Alltag spürbar einschränkt.
  • Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Innerhalb eines Jahres sind rund 15 von 100 Erwachsenen betroffen.
  • Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Bei Männern bleibt eine Angststörung häufiger unerkannt.
  • Es gibt nicht die eine Angststörung. Die Diagnostik unterscheidet unter anderem Panikstörung, Agoraphobie, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien.
  • Angststörungen sind behandelbar. Kognitive Verhaltenstherapie gilt als Behandlung der ersten Wahl, bei Bedarf ergänzt durch Medikamente.
  • Unbehandelt verschwinden sie selten von selbst. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser ist die Prognose.

Was ist eine Angststörung?

Unter dem Begriff Angststörungen versteht man psychische Erkrankungen, die sich durch exzessive, anhaltende und nicht situationsangemessene Angstzustände äußern. Die Angst tritt regelmäßig auf, ist unverhältnismäßig stark, schränkt dich im Alltag ein und hält über einen längeren Zeitraum an. Oft beginnst du, bestimmte Situationen, Orte oder Aktivitäten zu vermeiden. Angst selbst ist zunächst nichts Krankhaftes. Sie ist die natürliche Reaktion des Menschen auf Gefahren und dient als Schutzmechanismus. Sie äußert sich auf vier Ebenen deines Erlebens und Verhaltens.

Die vier Ebenen der Angst

Auf kognitiver Ebene
Das betrifft Denken, Aufmerksamkeit und Konzentration. Typisch sind eine Einengung der Wahrnehmung auf gefahrenrelevante Reize, Katastrophisieren, eingeschränkte Konzentration, Grübeln und eine Verengung des Denkens auf die eigenen Befürchtungen.

Auf emotionaler Ebene
Anspannung, innere Unruhe, das Gefühl von Bedrohung oder Kontrollverlust, Nervosität, manchmal auch Reizbarkeit und Panik bis hin zur Todesangst.

Auf Verhaltenebene
Flucht, Vermeidung, Rückzug, Isolation und sogenanntes Sicherheitsverhalten, also alles, was du tust, um dich in der gefürchteten Situation abzusichern.

Auf körperlicher Ebene
Herzrasen, Schwitzen, beschleunigte Atmung, Zittern, Enge oder Druck in der Brust, Schwindel, Übelkeit, Muskelverspannung, Kribbeln und Taubheitsgefühle. Viele Betroffene entwickeln dabei eine dauerhaft erhöhte Wachsamkeit und innere Alarmbereitschaft, fachlich Hypervigilanz genannt.

Diese vier Ebenen verstärken sich gegenseitig. Genau darin liegt die Dynamik, die eine Angststörung aufrechterhält.

Natürliche Angst oder Angststörung? Der Unterschied

Der Unterschied liegt nicht in der Art der Angst, sondern in ihrer Intensität, Dauer, Angemessenheit und der Auswirkung auf deinen Alltag. Diese Gegenüberstellung hilft dir bei der ersten Einordnung.

Natürliche Angst Angststörung
Auslöser Es gibt eine erkennbare, reale Bedrohung Die Angst tritt ohne erkennbaren Auslöser auf oder ist unverhältnismäßig zur Situation
Stärke Angemessen zur Gefahr Deutlich übersteigert, oft überwältigend
Verlauf Die Angst klingt ab, sobald die Situation vorbei ist, und bleibt eine Episode Die einzelne Angstreaktion kann kurz sein, sie kehrt aber zuverlässig zurück. Als Muster besteht sie über Monate, auch wenn sie nicht täglich auftritt
Verhalten Du handelst und löst die Situation Du vermeidest, ziehst dich zurück oder sicherst dich ab
Alltag Nur situativ und kurzzeitig eingeschränkt, danach läuft dein Alltag wie gewohnt weiter Dauerhaft eingeschränkt, auch außerhalb der angstauslösenden Situation. Beruf, Beziehungen und Freizeit leiden spürbar
Kontrolle Du kannst die Angst einordnen und regulieren Die Angst fühlt sich unkontrollierbar an
Erwartung Du denkst danach kaum daran Du entwickelst Angst vor der nächsten Angst

Wenn deine Angst ihre Schutzfunktion verloren hat und zu spürbaren Einschränkungen führt, spricht man von einer Angststörung. Allen Angststörungen liegt eine andauernde Fehlsteuerung des Angst-Stress-Reaktionssystems zugrunde. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wovor sich die Angst richtet und wie sie sich zeigt.

Der Teufelskreis der Angst

Angst kann sich durch das Zusammenspiel von Gedanken, körperlichen Reaktionen und Verhalten selbst verstärken. Eine zunächst harmlose Situation oder Körperempfindung wird als bedrohlich bewertet. Dadurch steigt die Angst, körperliche Symptome werden intensiver wahrgenommen und wiederum als Zeichen einer drohenden Gefahr interpretiert. Man spricht vom Teufelskreis der Angst. Vermeidung oder Sicherheitsverhalten können die Angst kurzfristig lindern, tragen langfristig jedoch dazu bei, dass sie bestehen bleibt oder sich weiter verstärkt.

Der Ablauf ist bei den meisten Betroffenen ähnlich:

Angststörungen

Wahrnehmung
Du nimmst einen Gedanken oder eine körperliche Veränderung wahr, zum Beispiel ein schnelleres Herzklopfen, oder du gerätst in eine Situation, die du fürchtest.

Bewertung
Du deutest diese Wahrnehmung als bedrohlich. Aus "mein Herz schlägt schneller" wird “Ich verliere die Kontrolle”, “Die Situation ist gefährlich”, “Ich habe Todesangst”, “Es wird etwas Schlimmes passieren”.

Körperliche Reaktion
Der Körper schaltet in den Alarmmodus. Das Herz schlägt schneller, die Atmung beschleunigt sich, Muskeln spannen sich an, Schwindel oder Schwitzen können auftreten.

Verstärkte Wahrnehmung
Diese Symptome bestätigen scheinbar deine ursprüngliche Befürchtung, und der Kreis beginnt von vorn, nur stärker.

Aus diesem Kreislauf entsteht die sogenannte Erwartungsangst, oft beschrieben als Angst vor der Angst. Sie führt dazu, dass du Situationen vermeidest, in denen die Angst schon einmal aufgetreten ist. Kurzfristig bringt Vermeidung Erleichterung. Langfristig macht sie die Angst größer, weil du nie die Erfahrung machst, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt. Das ist keine Willensschwäche und kein Charakterzug. Es ist ein Lernmechanismus, der bei allen Menschen gleich funktioniert. Und weil er ein Lernmechanismus ist, lässt er sich auch wieder umlernen. Genau daran setzt die Verhaltenstherapie an.

Frau auf dem Sofa, die Arme nach oben streckend

Welche Formen von Angststörungen gibt es?

Die heutige Diagnostik unterscheidet zwei große Gruppen.

Phobische Störungen

Hier richtet sich die Angst auf einen bestimmten Auslöser.

  • Agoraphobie, mit oder ohne Panikstörung. Angst vor Menschenmengen, öffentlichen Verkehrsmitteln, weiten Plätzen sowie davor, allein zu reisen oder außer Haus zu sein.
  • Soziale Phobie. Angst vor prüfender Betrachtung und negativer Bewertung durch andere, zum Beispiel beim Sprechen oder Essen in Gruppen.
  • Spezifische Phobien. Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen, etwa Tieren, Höhen, Fliegen, Spritzen oder geschlossenen Räumen.

Andere Angststörungen

Hier fehlt ein klar umrissener Auslöser.

  • Panikstörung, auch episodisch paroxysmale Angst genannt. Wiederkehrende, nicht auf bestimmte Situationen beschränkte, schwere Angstattacken.
  • Generalisierte Angststörung. Anhaltende, diffuse Angst und Sorge, die nicht an bestimmte Umgebungsbedingungen gebunden ist, etwa in Bezug auf Gesundheit, Familie, Arbeit oder Zukunft.
  • Angst und depressive Störung, gemischt. Angst- und depressive Symptome liegen gleichzeitig vor, aber keine der beiden Diagnosen ist für sich allein gerechtfertigt.

Diese Formen können auch gemeinsam auftreten. Viele Betroffene erkennen sich in mehr als einer Beschreibung wieder. Die genaue Einordnung ist kein Selbstzweck. Sie entscheidet darüber, welche Behandlung wirkt, denn die Therapie einer spezifischen Phobie sieht anders aus als die einer generalisierten Angststörung.

Die Panikstörung ist eine schwerwiegende Erkrankung, die durch wiederkehrende, unerwartete und für die Betroffenen nicht erklärbare Panikattacken gekennzeichnet ist. Eine Panikattacke setzt plötzlich und typischerweise ohne bestimmten, vorhersehbaren Auslöser ein und steigert sich innerhalb weniger Minuten zu ihrem Höhepunkt. Charakteristisch sind Herzklopfen, Atemnot, Kurzatmigkeit, Brustschmerzen, Erstickungsgefühle und Schwindel. Viele Betroffene beschreiben dazu die Angst, verrückt zu werden, die Kontrolle zu verlieren oder körperlich zusammenzubrechen, bis hin zur Todesangst.

Eine einzelne Attacke dauert meist zwischen zehn und dreißig Minuten, der Höhepunkt ist oft schon nach wenigen Minuten erreicht. So bedrohlich sie sich anfühlt, körperlich/medizinisch gefährlich ist sie zunächst nicht.

Häufig entwickelt sich in der Folge eine anhaltende Sorge vor weiteren Attacken und vor deren möglichen Konsequenzen. Unbehandelt verläuft die Störung meist chronisch mit schwankender Intensität.

Unter der Agoraphobie versteht man die Angst vor Orten oder Situationen, aus denen eine Flucht schwierig erscheint oder in denen im Notfall keine Hilfe verfügbar wäre. Typische Auslöser sind öffentliche Plätze, Menschenmengen, das Anstehen in einer Warteschlange, Reisen im Bus, Zug oder Auto sowie das Alleinsein außerhalb der eigenen Wohnung.

Die Vermeidung dieser Situationen schränkt die Lebensführung erheblich ein. Manche Betroffene können den Arbeitsweg nicht mehr bewältigen oder verlassen die Wohnung nur noch in Begleitung.

Häufig tritt die Agoraphobie im Zusammenhang mit wiederholten Panikattacken auf. Unbehandelt nimmt sie meist einen chronischen Verlauf.

Die generalisierte Angststörung ist durch langandauernde (mindestens sechs Monate) exzessive Ängste, Sorgen und Anspannungsgefühle gekennzeichnet. Diese beziehen sich auf eine Vielzahl von Lebensumständen, Alltagssituationen und gewöhnliche Probleme. Betroffene haben keine Kontrolle darüber, wie lange und wie häufig diese Sorgen auftreten.

Charakteristisch ist ein anhaltendes Muster wechselnder kognitiver, motorischer und vegetativer Symptome. Dabei dominiert ein erhöhtes Erregungsniveau in Körper und Psyche, fachlich Hyperarousal genannt. Es zeigt sich in Schlafstörungen, innerer Unruhe und Reizbarkeit.

Der Beginn ist meist schleichend, der Verlauf fast immer chronisch mit deutlichen Verschlechterungen in Belastungssituationen.

Unter der sozialen Phobie versteht man eine anhaltende Angst- und Vermeidungsreaktion, die durch die tatsächliche oder befürchtete Konfrontation mit bestimmten sozialen oder Leistungssituationen ausgelöst wird. Die Angstreaktion kann sich bis zur Panikattacke steigern.

Typische Auslöser sind, sich in Gegenwart anderer zu äußern, vor anderen zu sprechen, zu essen oder zu schreiben, oder an Veranstaltungen, geselligen Kontakten und Prüfungen teilzunehmen. Betroffene leiden deutlich und sind in ihrer beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit oft massiv eingeschränkt.

Sie erkennen meist selbst, dass ihre Angst übertrieben oder unbegründet ist. Genau darin liegt der Unterschied zur einfachen Schüchternheit. Meist tritt die soziale Phobie in generalisierter Form auf und umfasst fast alle sozialen Situationen, sie kann aber auch isoliert vorkommen, etwa als Rede- oder Prüfungsangst.

Die spezifische Phobie beschreibt eine dauerhafte, unangemessene und intensive Furcht vor klar umschriebenen Objekten oder Situationen sowie deren Vermeidung. Ausgenommen sind die Furcht vor plötzlichen Angstanfällen und vor sozialen Situationen.

Am häufigsten betreffen Phobien Tiere wie Spinnen, Schlangen, Hunde oder Ratten. Ebenfalls häufig sind Höhenangst, Flugangst, Angst vor zahnärztlichen Behandlungen, vor engen Räumen sowie vor dem Anblick von Blut, Verletzungen oder Spritzen.

Die Konfrontation mit dem gefürchteten Objekt löst fast immer eine sofortige Angstreaktion aus. Die zentrale Befürchtung betrifft in der Regel eine direkte, vom Objekt ausgehende Gefahr, etwa einen Flugzeugabsturz oder einen Hundebiss.

Zur Abgrenzung: Menschen mit Agoraphobie fürchten vor allem Angstanfälle und deren Konsequenzen, Menschen mit sozialer Phobie die negative Bewertung durch andere.

Die ICD-11 führt zwei weitere Angststörungen, die im Erwachsenenalter selten sind, aber vorkommen können.

  • Trennungsangststörung. Übermäßige Angst oder Sorge in Bezug auf die Trennung von wichtigen Bezugspersonen, verbunden mit der anhaltenden Sorge, diese Person zu verlieren.
  • Selektiver Mutismus. Konstantes Schweigen in bestimmten sozialen Situationen, obwohl in anderen Situationen normal gesprochen wird. Die Sprachhemmung beruht nicht auf mangelnden Sprachkenntnissen.

Wie häufig sind Angststörungen?

Angststörungen sind die häufigste Gruppe psychischer Erkrankungen in Deutschland, häufiger als Depressionen.

  • Rund 15 von 100 Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren sind innerhalb eines Jahres von einer Angststörung betroffen.
  • Bei Frauen sind es etwa 21 von 100, bei Männern etwa 9 von 100.
  • Nur etwa die Hälfte der Betroffenen erhält eine ärztliche Diagnose.
  • Das durchschnittliche Ersterkrankungsalter liegt bei 21 Jahren. Etwa 60 Prozent aller Angststörungen beginnen vor dem 21. Lebensjahr.
  • Für die generalisierte Angststörung (GAS) liegt die Lebenszeitprävalenz (Anteil der Menschen, die im Verlauf ihres Lebens eine GAS entwickeln oder entwickelt haben) bei rund 5 Prozent.

Die dritte Zahl ist die wichtigere. Dass nur etwa die Hälfte der Betroffenen jemals eine Diagnose bekommt, hat vor allem zwei Gründe. Viele Menschen schildern bei ihrem Arzt zuerst die körperlichen Beschwerden, also Herzrasen, Schwindel oder Magenprobleme, und die Angst dahinter bleibt unerkannt. Und viele warten sehr lange, bevor sie überhaupt Hilfe suchen, weil sie ihre Angst für ein persönliches Versagen halten.

Wenn du dich hier wiederfindest: Du bist damit nicht allein, und du bist auch nicht spät dran.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Entstehung von Angststörungen ist multifaktoriell bedingt. Neben einer genetischen Veranlagung spielen neurobiologische Faktoren eine Rolle, etwa das Zusammenspiel der Botenstoffsysteme GABA, Serotonin und Noradrenalin. Dazu kommen psychosoziale Belastungen, frühkindliche Bindungserfahrungen und erlerntes Verhalten. Auch kritische Lebensereignisse, Traumata oder chronischer Stress können als Auslöser wirken. Den verschiedenen Angststörungen liegen dabei unterschiedliche Risikokonstellationen zugrunde. Gemeinsam ist ihnen eine Fehlsteuerung des an sich normalen Angst-Stress-Mechanismus, also der Kampf-Flucht-Reaktion. Es wird angenommen, dass das typische Vermeidungsverhalten die ursprünglich erlernte Angstreaktion langfristig verfestigt. Ohne Behandlung kommt es nur selten zu einer vollständigen Heilung.

Mann mit Sonne im Hintergrund

Ein moderater familiärer Einfluss gilt als gesichert. Familiär vermittelte Temperamentsmerkmale können ebenso eine Rolle spielen wie ungünstige Denkmuster und Fehlannahmen, die in der Familie weitergegeben werden. Sie zeigen sich zum Beispiel in einer Überschätzung realer Gefahrenwahrscheinlichkeiten, in übermäßigem Sicherheitsdenken und Kontrollbedürfnis, in einer hohen Empfindlichkeit für Peinlichkeit oder in ausgeprägtem Perfektionismus. Insbesondere bei der Panikstörung und der generalisierten Angststörung erfolgt die Auslösung meist über akute oder chronische psychosoziale Stresssituationen. Für beide gibt es außerdem Hinweise auf einen ausgeprägten familiengenetischen Einfluss. Langfristig sind alle Angststörungen mit erhöhten Risiken für eine dauerhafte Einschränkung der Lebensqualität und der Arbeitsproduktivität verbunden. Dazu kommt ein erhöhtes Risiko für Arbeitslosigkeit sowie ein diagnoseabhängig drei- bis sechsfach erhöhtes Risiko, im weiteren Verlauf eine Depression zu entwickeln.

Begleit­erkrankungen

Angststörungen treten überzufällig häufig gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Sie kommen komorbid bei depressiven Erkrankungen in 31 Prozent aller Angststörungen, bei somatoformen Störungen in 25 Prozent und bei Alkoholabhängigkeit in 10 Prozent vor.

Die Mehrzahl dieser Begleiterkrankungen entwickelt sich erst Jahre nach Beginn der Angststörung. Das Risiko ist besonders ausgeprägt bei:

  • Panikstörung: Depression 52 Prozent, somatoforme Störungen 37 Prozent, Alkoholabhängigkeit 16 Prozent
  • Generalisierte Angststörung: Depression 71 Prozent, somatoforme Störungen 48 Prozent, Alkoholabhängigkeit 9 Prozent

Auch ADHS im Erwachsenenalter zeigt überdurchschnittlich häufig Schnittmengen mit generalisierten oder sozialen Angststörungen.

Frau vor dem Zug
Frau und Mann

Geschlechts­spezifische Besonderheiten

Frauen erkranken nahezu doppelt so häufig an Angststörungen wie Männer. Für diesen Unterschied gibt es mehrere Erklärungsansätze, und sie schließen sich nicht gegenseitig aus.

Biologische Faktoren

  • Hormonelle Einflüsse. Schwankungen durch Menstruationszyklus, Schwangerschaft und Wechseljahre können Angstsymptome beeinflussen.
  • Unterschiede in der Stressreaktion, etwa in der Aktivität der Amygdala und der HPA-Achse.

Psychosoziale Faktoren

  • Unterschiedliche Sozialisation im Umgang mit Angst und Verletzlichkeit. Mädchen dürfen ängstlich sein, Jungen sollen tapfer sein.
  • Frauen sind eher bereit, über Angstsymptome zu sprechen und Hilfe zu suchen.
  • Unterschiedliche Rollenerwartungen und die damit verbundenen Stressoren, zum Beispiel Mehrfachbelastung.

Diagnostische und methodische Faktoren

  • Männer neigen eher dazu, Angst zu externalisieren, etwa durch Reizbarkeit oder Substanzkonsum, statt klassische Angstsymptome zu berichten.
  • Das führt dazu, dass Angststörungen bei Männern unterdiagnostiziert sind, weil sie sich anders äußern oder seltener als solche erkannt werden.

Unterschiede im Symptomausdruck

Bei Frauen zeigen sich häufiger klassische Angstsymptome, mehr körperliche Beschwerden und ein offenerer Umgang mit dem Thema.
Bei Männern stehen häufiger Reizbarkeit, Rückzug und Substanzkonsum im Vordergrund. Die Angst wird seltener als solche erkannt oder benannt.

Behandlungsinanspruchnahme

Frauen suchen tendenziell häufiger und früher professionelle Hilfe. Männer haben oft eine höhere Hemmschwelle, Angst überhaupt als Problem anzuerkennen. Wenn du ein Mann bist und dich in diesem Text wiedererkennst, ist das ein guter Grund, den Selbsttest zu machen. Genau diese Gruppe wird in der Versorgung systematisch übersehen.

Behandlung und Therapie

Angststörungen gehören zu den am besten behandelbaren psychischen Erkrankungen. Das ist die vielleicht wichtigste Botschaft auf dieser Seite.

Psychotherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie gilt als Behandlung der ersten Wahl. Sie arbeitet an den Denkmustern, die die Angst aufrechterhalten, und an dem Vermeidungsverhalten, das sie verstärkt. Ein zentraler Baustein ist die Konfrontationstherapie, auch Exposition genannt. Dabei setzt du dich unter therapeutischer Begleitung schrittweise genau den Situationen aus, die du bisher gemieden hast, und machst die Erfahrung, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt. Daneben sind psychodynamische Verfahren wirksam, wenn eine Verhaltenstherapie nicht infrage kommt oder nicht gewünscht ist.

Medikamentöse Behandlung

Bei mittelschweren und schweren Verläufen kommen Antidepressiva zum Einsatz, in erster Linie SSRI und SNRI. Sie machen nicht abhängig, brauchen aber zwei bis sechs Wochen, bis die volle Wirkung einsetzt. Zu Behandlungsbeginn kann die Angst kurzfristig zunehmen, das legt sich in der Regel wieder. Benzodiazepine sind wegen des Abhängigkeitsrisikos keine Dauerlösung und höchstens zur kurzfristigen Überbrückung vorgesehen.

Ergänzende Verfahren

Entspannungsverfahren, regelmäßige Bewegung, Sporttherapie und Selbsthilfegruppen unterstützen die Behandlung. Sie ersetzen sie nicht, aber sie können den Verlauf spürbar verbessern.

Die Versorgungslücke

Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz liegt in Deutschland bei mehreren Monaten. Für viele Betroffene ist das der Punkt, an dem der Weg in die Behandlung abbricht. Genau deshalb bieten wir Diagnostik und Behandlung vollständig online an, ohne Wartezeit.

So läuft unsere Angst-Diagnostik ab

Wann du dir Hilfe holen solltest

Es gibt keinen Punkt, ab dem Angst „schlimm genug“ ist, um Hilfe zu rechtfertigen. Wenn du dir diese Frage stellst, ist das schon Grund genug. Trotzdem helfen ein paar konkrete Anhaltspunkte bei der Einordnung.

Hol dir professionelle Unterstützung, wenn mindestens einer dieser Punkte auf dich zutrifft:

  • Deine Angst besteht seit mehreren Wochen oder Monaten und wird nicht besser.
  • Du meidest Orte, Menschen oder Tätigkeiten, die früher selbstverständlich waren.
  • Du kannst deinen Beruf, dein Studium oder deinen Alltag nicht mehr wie gewohnt bewältigen.
  • Du hast Angst vor der nächsten Angstattacke und richtest deinen Tag danach aus.
  • Du schläfst schlecht, bist dauerhaft angespannt oder gereizt.
  • Du trinkst Alkohol oder nimmst Medikamente, um die Anspannung auszuhalten.
  • Du ziehst dich von Freunden und Familie zurück.
  • Du hast wegen deiner Beschwerden mehrfach körperliche Untersuchungen machen lassen, ohne dass ein Befund erhoben werden konnte.

Wenn es akut ist

Wenn du Gedanken daran hast, dir das Leben zu nehmen, hol dir bitte sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116 117 erreichbar. In einer akuten Notlage wähle 112.

Was Angehörige tun können

Wenn dein Partner, dein Kind oder ein enger Freund unter einer Angststörung leidet, willst du helfen und weißt oft nicht wie. Diese Punkte sind fachlich gut belegt und in der Praxis wirksam.

Was hilft

  • Nimm die Angst ernst, auch wenn sie dir unbegründet erscheint. Für die betroffene Person ist sie real.
  • Ermutige zu professioneller Abklärung, ohne Druck aufzubauen.
  • Bleib geduldig. Eine Angststörung verschwindet nicht durch gutes Zureden.
  • Frag nach, was konkret hilft, statt es zu erraten.

Was nicht hilft

  • Sätze wie „Da ist doch nichts“ oder „Stell dich nicht so an“. Sie erzeugen Scham und führen dazu, dass weniger gesprochen wird.
  • Vollständige Übernahme von Vermeidungsverhalten. Wenn du dauerhaft alle gefürchteten Situationen abnimmst, also immer fährst, immer einkaufst, immer telefonierst, stabilisierst du die Angst ungewollt.
  • Ungeduld bei Rückschritten. Der Verlauf ist selten linear.

Achte dabei auch auf dich. Angehörige von Menschen mit Angststörungen sind über die Zeit selbst hoch belastet.

FAQs

Häufige Fragen zu Angststörungen

Angst wird zur Angststörung, wenn sie unverhältnismäßig stark ist, über Wochen oder Monate anhält, ohne erkennbaren Auslöser oder in unangemessener Stärke auftritt und deinen Alltag spürbar einschränkt. Entscheidend ist nicht die Art der Angst, sondern ihre Intensität, Dauer, Angemessenheit und die Auswirkung auf dein Leben.

Das lässt sich nur in einer fachlichen Diagnostik klären. Als grobe Orientierung: Wiederkehrende, plötzlich einsetzende Attacken sprechen für eine Panikstörung. Dauerhafte Sorgen über viele Lebensbereiche für eine generalisierte Angststörung. Angst vor Bewertung durch andere für eine soziale Phobie. Angst vor Orten ohne Fluchtmöglichkeit für eine Agoraphobie. Angst vor einem klar umgrenzten Objekt für eine spezifische Phobie.

Selten. Angststörungen haben eine niedrige Spontanremissionsrate. Ohne Behandlung verlaufen sie meist chronisch und werden über die Jahre eher schwerer, weil sich Vermeidungsverhalten verfestigt. Behandelt sind die Aussichten dagegen gut.

Nein. Eine Panikattacke fühlt sich lebensbedrohlich an, ist es aber nicht. Der Körper befindet sich in einem Alarmzustand, der von allein wieder abklingt, meist innerhalb von zehn bis dreißig Minuten. Bei erstmaligem Auftreten sollten körperliche Ursachen ärztlich abgeklärt werden.

Das hängt von der Form und der Schwere ab. Bei spezifischen Phobien reichen oft wenige Sitzungen Konfrontationstherapie. Bei einer generalisierten Angststörung oder einer Panikstörung mit Agoraphobie ist eine längere Therapie üblich. Erste Verbesserungen zeigen sich bei vielen Betroffenen innerhalb der ersten Wochen.

Nein. Bei leichten und mittelgradigen Verläufen ist Psychotherapie allein oft ausreichend und die Behandlung der ersten Wahl. Medikamente kommen bei schwereren Verläufen dazu oder wenn eine Psychotherapie nicht schnell genug verfügbar ist. Die Entscheidung triffst du gemeinsam mit deiner Behandlerin oder deinem Behandler.

Viele Betroffene arbeiten weiter, teilweise über Jahre, ohne dass ihr Umfeld etwas bemerkt. Bei ausgeprägter Symptomatik kann eine Krankschreibung sinnvoll und notwendig sein. Eine Angststörung ist eine anerkannte Erkrankung, für die eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausgestellt werden kann. Ob und wie lange, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt im Einzelfall.

Bei einer Angststörung steht die Angst im Vordergrund, bei einer Depression die gedrückte Stimmung und der Antriebsverlust. Beide treten allerdings sehr häufig gemeinsam auf. Rund ein Drittel aller Menschen mit einer Angststörung entwickelt im Verlauf zusätzlich eine Depression. Deshalb wird in einer guten Diagnostik immer beides geprüft.

Verschaffe dir Klarheit.
Teste dich auf eine Angststörung!

Wenn du den Verdacht hast, dass du unter einer Angststörung leiden könntest, gibt dir unser kostenloser Selbsttest eine erste Einschätzung. Er dauert drei Minuten und basiert auf dem GAD-7, einem international anerkannten Screening-Instrument.

Patient-gam-medical
über 150.000 Menschen haben bereits unsere Tests gemacht.

Sei Teil unserer Community!

Melde dich für unseren Newsletter an und bekomme regemäßige Updates über GAM Medical.

Wenn Du auf „Anmelden“ klickst, bestätigst Du unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“, AWMF-Registernummer 051-028, Version 2.0, Stand 06.04.2021. Die Leitlinie befindet sich derzeit in Überarbeitung. Zum Leitlinienregister
  • Jacobi F. et al.: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Der Nervenarzt, 2014, mit Erratum 2016.
  • de Lijster J.M. et al.: The Age of Onset of Anxiety Disorders. The Canadian Journal of Psychiatry, 2017.
  • Bandelow B. et al.: Generalisierte Angststörung. Deutsches Ärzteblatt International, 2013.
  • Weltgesundheitsorganisation: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Kapitel 06, Gruppe 6B0.
  • Robert Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Angststörungen.

Fachliche Prüfung

Dieser Beitrag wurde fachlich geprüft von Dr. Giancarlo Giupponi, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.