ADHS und Dissoziation: Wenn die Realität sich entzieht

Nachdenkliche junge Frau am Fenster – Symbolbild für ADHS und Dissoziation
Inhalt

Der Raum um dich verschwimmt. Stimmen klingen plötzlich fern, wie durch Watte. Du bist da – und gleichzeitig nicht wirklich da. Kennst du solche Momente, in denen sich die Realität für ein paar Sekunden oder Minuten wie hinter einer Glasscheibe anfühlt?

Genau das beschreibt Dissoziation: eine Unterbrechung der normalen Verbindung zwischen deinen Gedanken, Erinnerungen, deinem Körpergefühl und deiner Umgebung. ADHS und Dissoziation stehen dabei enger in Verbindung, als viele vermuten – beide betreffen Bereiche im Gehirn, die für Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung und emotionale Regulation zuständig sind.

In diesem Artikel erfährst du, was Dissoziation genau bedeutet, warum sie bei ADHS häufiger auftritt, wie sie sich von verwandten Phänomenen wie dem Maladaptiven Tagträumen oder einer Borderline-Störung unterscheidet – und was dir helfen kann, wieder mehr Halt im Hier und Jetzt zu finden.

Was ist Dissoziation?

Dissoziation bezeichnet eine Gruppe psychischer Zustände, bei denen die normale Verbindung zwischen Bewusstsein, Gedächtnis, Identität, Wahrnehmung und Verhalten unterbrochen wird. Vereinfacht gesagt: Ein Teil von dir „schaltet“ für einen Moment ab, um dich vor Überforderung zu schützen.

Es gibt verschiedene Formen der Dissoziation:

Dissoziative Identitätsstörung (DIS): Früher als multiple Persönlichkeitsstörung bekannt, gekennzeichnet durch zwei oder mehr unterschiedliche Identitäten, die abwechselnd das Verhalten steuern.
Dissoziative Amnesie:

Die Unfähigkeit, wichtige persönliche Informationen zu erinnern, meist im Zusammenhang mit belastenden Erlebnissen.

Depersonalisation:

Das Gefühl, sich selbst fremd oder wie von außen zu betrachten.

Derealisation:

Das Gefühl, die Umgebung sei unwirklich, wie durch einen Schleier.

Dissoziative Trance-Störung: Phasen von Bewusstseinsverlust und verminderter Reaktion auf die Umgebung.

Ursachen von Dissoziation

Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Am häufigsten wird Dissoziation als Schutzmechanismus nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen beschrieben – etwa nach körperlichem oder emotionalem Missbrauch, Vernachlässigung oder schweren Unfällen. Daneben spielen genetische Veranlagung und Unterschiede in der Gehirnfunktion eine Rolle.

Dissoziative Störungen sind komplex und lassen sich nicht immer leicht erkennen. Solltest du dich in den beschriebenen Zuständen wiedererkennen, ist eine fachliche Abklärung bei Psycholog:innen oder Psychiater:innen der wichtigste erste Schritt.

ADHS und Dissoziation: Wie hängen sie zusammen?

Studien deuten darauf hin, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen mit ADHS gleichzeitig eine dissoziative Störung haben könnten. Das gleichzeitige Auftreten ist komplex und lässt sich durch mehrere Erklärungsansätze verstehen.

Neurobiologische Verbindung

Sowohl ADHS als auch Dissoziation werden mit Veränderungen im dopaminergen System in Verbindung gebracht. Dopamin steuert Aufmerksamkeit, Motivation und emotionale Regulation – Funktionen, die bei beiden Zuständen beeinträchtigt sein können. Auch die Amygdala, die an der Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen beteiligt ist, scheint bei beiden Gruppen anders zu arbeiten. Das kann beeinflussen, wie gut du Emotionen bewältigen und Erinnerungen richtig abspeichern kannst.

Psychologische Verbindung

Zwei Faktoren stehen hier besonders im Vordergrund:

  • Trauma: Kindheitstraumata gelten als bedeutender Risikofaktor für beide Zustände. Sie können emotionale Dysregulation und eine Fragmentierung des Selbst auslösen, die sich später als ADHS-Symptome und als Dissoziation zeigen. Mehr über den Zusammenhang zwischen belastendem Stress und ADHS erfährst du im Artikel ADHS und Stress.
  • Bewältigungsschwierigkeiten: Wenn du mit ADHS ohnehin schon Mühe hast, intensive Gefühle zu regulieren, kann Dissoziieren zu einer unbewussten Strategie werden, dich vor Überforderung zu schützen. Mehr dazu liest du im Artikel zur emotionalen Dysregulation bei ADHS.

Genetische Verbindung

Auch genetische Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen. Zusätzlich erhöht sich das Risiko, wenn weitere psychische Erkrankungen wie Depression, Angststörungen oder eine bipolare Störung vorliegen. Die Symptome von ADHS und Dissoziation können sich dabei überschneiden, was die Diagnose zusätzlich erschwert.

Vielleicht kennst du das: Nach einem stressigen Tag im Büro, an dem du dich stundenlang zusammenreißen musstest, sitzt du abends auf dem Sofa – und merkst plötzlich, dass du seit einer halben Stunde ins Leere starrst, ohne einen einzigen Gedanken bewusst wahrgenommen zu haben. Genau solche Momente beschreiben viele Menschen mit ADHS, wenn Reizüberflutung und emotionale Erschöpfung zusammenkommen.

Woran du dissoziative Symptome im Alltag erkennst

Dissoziation zeigt sich selten als dramatischer „Filmmoment“, sondern meist unauffällig im Alltag. Typische Anzeichen sind:

  • Du „verlierst“ immer wieder Zeit – zum Beispiel, wenn du merkst, dass eine ganze Autofahrt oder ein Gespräch nur bruchstückhaft in deiner Erinnerung ist.
  • Vertraute Orte oder Gesichter wirken plötzlich fremd oder unwirklich.
  • Du fühlst dich wie „neben dir selbst stehend“ und beobachtest dein eigenes Handeln fast von außen.
  • Emotionen fühlen sich gedämpft oder wie durch eine Wand an, obwohl objektiv etwas Belastendes passiert.
  • Nach stressigen oder reizintensiven Situationen brauchst du auffällig lange, um wieder „ganz da“ zu sein.

Nicht jedes dieser Anzeichen bedeutet automatisch eine dissoziative Störung. Kurze Momente der Abwesenheit kennt jeder Mensch gelegentlich. Entscheidend ist, wie häufig, wie intensiv und wie belastend sich diese Zustände für dich anfühlen.

Maladaptives Tagträumen: Wenn ADHS und Fantasie zur Fluchtwelt werden

Ein Phänomen, das eng mit Dissoziation und ADHS verwandt ist, aber oft übersehen wird: das Maladaptive Tagträumen. Dabei handelt es sich um besonders lebhafte, detailreiche Tagträume, die so viel Raum einnehmen, dass sie den Alltag beeinträchtigen.

Der Unterschied zur klassischen Dissoziation liegt im Grad der Kontrolle: Dissoziation ist meist ein unwillkürlicher Schutzreflex, während Maladaptives Tagträumen eher ein aktiv gesuchter Rückzug in eine innere Fantasiewelt ist. Beide erfüllen jedoch eine ähnliche Funktion – sie helfen dabei, von überwältigenden Gefühlen oder zu wenig Stimulation Abstand zu gewinnen.

Gerade bei ADHS ist das kein Zufall: ADHS ist durch eine ständige Suche nach Stimulation geprägt. Wenn der Alltag zu wenig Reize bietet, kann die eigene Vorstellungskraft zur intensivsten und verlässlichsten Quelle von Stimulation werden. Forschende bringen Maladaptives Tagträumen daher auch mit anderen Erkrankungen wie Depression, Angststörungen oder posttraumatischer Belastungsstörung in Verbindung – bei ADHS scheint jedoch besonders die Kombination aus Unterstimulation, Hyperfokus und intensiver Vorstellungskraft eine Rolle zu spielen.

Kennst du das Gefühl, mitten in einem Meeting oder beim Autofahren plötzlich in einer ganz eigenen, detailreichen Gedankenwelt zu versinken – und erst nach Minuten wieder „aufzuwachen“? Für viele Betroffene fühlt sich das kurzfristig entlastend an. Langfristig kann es aber zu Konzentrationsproblemen, Rückzug und dem Gefühl führen, im eigenen Leben nicht wirklich anwesend zu sein.

ADHS und Dissoziation unterscheiden: Die Abgrenzung zur Borderline-Störung

Weil sich die Symptome überschneiden können, ist die Abgrenzung zwischen ADHS und anderen Störungen nicht immer einfach. Ein Punkt, der in der Diagnostik besonders wichtig ist: Ausgeprägte dissoziative Symptome sprechen eher für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung als für ADHS allein.

Das bedeutet nicht, dass ADHS und Dissoziation nichts miteinander zu tun haben – im Gegenteil, wie du oben gelesen hast, treten sie häufig gemeinsam auf. Es bedeutet aber, dass Fachleute genau hinschauen müssen, um herauszufinden, welche Symptome auf welche Störung zurückgehen. Mehr über die Überschneidungen zwischen beiden Störungsbildern liest du im Artikel ADHS und Borderline.

Eine sorgfältige Differenzialdiagnose ist deshalb entscheidend – nicht, um dir ein weiteres Etikett zu geben, sondern damit du die Behandlung bekommst, die wirklich zu deinen Symptomen passt.

Was du bei ADHS und Dissoziation tun kannst

Die gute Nachricht: Es gibt wirksame Strategien, um dissoziative Symptome zu verstehen und ihnen entgegenzuwirken.

  • Grounding-Techniken: Übungen, die dich bewusst im Hier und Jetzt verankern, etwa indem du fünf Dinge benennst, die du gerade siehst, hörst oder fühlst. Wenn du merkst, dass die Welt um dich herum „unwirklich“ wird, kann es helfen, bewusst einen kalten Gegenstand zu berühren oder tief ein- und auszuatmen, um wieder im eigenen Körper anzukommen.
  • Tagebuch führen: Regelmäßiges Notieren hilft dir, Muster zu erkennen – etwa welche Situationen oder Gefühle deinen dissoziativen Zuständen vorausgehen.
  • Stressbewältigung: Techniken wie Meditation oder progressive Muskelentspannung können sowohl ADHS-bedingte innere Unruhe als auch dissoziative Symptome reduzieren.
  • Eine sichere Umgebung schaffen: Stabilität und Routinen zu Hause und im Beruf können Auslöser reduzieren und dir mehr Sicherheit im Alltag geben.
  • Fachliche Diagnostik: Die einzige Möglichkeit, wirklich passende Behandlungsansätze zu finden, ist eine fundierte Diagnose durch spezialisierte Fachleute.

Wenn du das Gefühl hast, dass sich hinter deinen Schwierigkeiten sowohl ADHS als auch dissoziative Symptome verbergen könnten, lohnt sich ein Blick auf den Artikel Wenn ADHS unerkannt bleibt – gerade eine späte Diagnose kann dazu beitragen, dass sich solche Bewältigungsmuster über Jahre verfestigen.

Professionelle Behandlungsansätze

Neben den Alltagsstrategien gibt es therapeutische Ansätze, die gezielt bei ADHS und dissoziativen Symptomen ansetzen:

  • Traumafokussierte Therapie: Da Dissoziation häufig auf belastende Erfahrungen zurückgeht, kann eine Aufarbeitung dieser Erlebnisse helfen, den Schutzmechanismus langfristig überflüssig zu machen.
  • ADHS-spezifische Psychotherapie: Eine Behandlung, die gezielt auf Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und emotionale Regulation eingeht, kann indirekt auch das Dissoziationsrisiko senken, weil weniger Überforderungsmomente entstehen.
  • Medikamentöse Unterstützung: In manchen Fällen kann eine medikamentöse ADHS-Behandlung dazu beitragen, dass du insgesamt stabiler und weniger überflutet bist – und dadurch seltener dissoziierst.
  • Multimodale Begleitung: Am wirksamsten ist häufig eine Kombination aus Psychotherapie, gegebenenfalls Medikation und alltagsnahen Strategien wie Grounding.

Wichtig ist, dass die Behandlung individuell auf dich zugeschnitten ist – pauschale Lösungen gibt es bei einer so komplexen Wechselwirkung zwischen ADHS und Dissoziation nicht.

Es ist wichtig zu betonen: Die Forschung zur Beziehung zwischen ADHS und Dissoziation ist noch im Gange.Umso wichtiger ist es, dich nicht auf Selbstdiagnosen zu verlassen, sondern dir professionelle Unterstützung zu holen, um Klarheit über deine ADHS-Symptome und mögliche Begleiterscheinungen zu bekommen.

Informiere Dich jetzt unverbindlich über die ADHS-Diagnose bei GAM Medical und finde heraus, ob ADHS – und möglicherweise auch dissoziative Symptome – hinter Deinen Beschwerden stecken könnten. Du kannst dafür unseren kostenlosen Schnelltest nutzen, um eine erste Einschätzung zu erhalten, oder Dich in unserem Blog über weitere Themen rund um ADHS informieren.

Wenn Du persönliche Fragen hast, kannst Du außerdem jederzeit ein kostenloses Beratungsgespräch vereinbaren.

FAQ

Was bedeutet es, wenn man bei ADHS dissoziiert?

Es bedeutet, dass sich Denken, Wahrnehmung oder Gedächtnis kurzzeitig von der Realität abkoppeln. Das ist meist ein unwillkürlicher Schutzmechanismus des Gehirns bei Überforderung.

Wie häufig treten ADHS und Dissoziation gemeinsam auf?

Schätzungen zufolge sind etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen mit ADHS zusätzlich von einer dissoziativen Störung betroffen. Die genaue Häufigkeit variiert je nach Studie.

Was ist der Unterschied zwischen Dissoziation und Maladaptivem Tagträumen?

Dissoziation ist meist ein unwillkürlicher Schutzreflex, während Maladaptives Tagträumen ein aktiv gesuchter Rückzug in eine Fantasiewelt ist. Beide können aber eine ähnliche Funktion erfüllen und gemeinsam auftreten.

Warum wird Dissoziation manchmal eher mit Borderline als mit ADHS in Verbindung gebracht?

Ausgeprägte dissoziative Symptome gelten in der Diagnostik eher als Hinweis auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Deshalb ist eine sorgfältige Differenzialdiagnose wichtig, um die passende Behandlung zu finden.

Was hilft konkret gegen dissoziative Symptome bei ADHS?

Grounding-Techniken, Stressbewältigung und ein stabiler Alltag können helfen, dich wieder im Hier und Jetzt zu verankern. Eine fachliche Diagnose ist die Grundlage für eine gezielt passende Behandlung.

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Diagnose oder Beratung. Wenn Du vermutest, dass Du von ADHS oder Dissoziationen betroffen bist, wende Dich bitte an qualifizierte Fachpersonen.

 

Über Autor*innen

Bild von Svea Freude
Svea Freude

Svea Freude ist Psychologin (M.Sc.) mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie. Sie beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit ADHS und verwandten Themen. In ihren Beiträgen übersetzt sie aktuelle psychologische Forschung in verständliche, alltagsnahe Informationen für Betroffene und Angehörige.

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