ADHS und Bipolare Störung erkennen und richtig behandeln

Zwei Frauen in rotem und blauem Licht verdecken sich je ein Auge und symbolisieren die verschwimmenden Grenzen zwischen ADHS und Bipolarer Störung
Inhalt

Metadescription: ADHS und Bipolare Störung können gleichzeitig auftreten. Erfahre, welche Symptome sich überschneiden und wie eine sichere Diagnose gelingt.

Wusstest Du, dass ADHS und Bipolare Störung gleichzeitig auftreten können? Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und der Hyperaktivität äußert. Die Bipolare Störung dagegen ist eine Stimmungsstörung, die sich durch Episoden von Manie und Depression auszeichnet.

Ist das jetzt ein „Energieschub“ – oder schon eine manische Phase? Bin ich einfach impulsiv, oder steckt mehr dahinter?Solche Fragen sind nachvollziehbar, denn ADHS und Bipolare Störung sind zwei sehr unterschiedliche Bedingungen, die trotzdem mehrere Symptome teilen. Deshalb ist es wichtig, ihre Unterschiede zu verstehen, um im Diagnoseprozess maximale Klarheit zu bekommen.

Was ist die Bipolare Störung?

Die Bipolare Störung ist durch Episoden von Manie und Depression gekennzeichnet, die sich abwechseln können. Die genaue Ursache ist noch unbekannt, aber Studien deuten darauf hin, dass Vererbung, Veränderungen auf Ebene der Gehirn-Neurotransmitter und psychosoziale Faktoren beteiligt sein können. Sie tritt meist in der Jugend oder im Alter von 20 bis 30 Jahren auf und wird in drei Kategorien unterteilt:

  • Bipolare Störung Typ I: mindestens eine manische Episode, meist begleitet von depressiven Episoden.
  • Bipolare Störung Typ II: häufigere depressive Episoden und mindestens eine hypomanische Episode mit gesteigerter Energie und hoher Kreativität, aber ohne echte Manie.
  • Unspezifizierte Bipolare Störung: bipolare Merkmale, die jedoch nicht die spezifischen Kriterien der anderen beiden Typen erfüllen.

Stress, bestimmte Substanzen wie stimulierende Drogen oder Alkohol und teils auch Antidepressiva können die Störung verschlechtern. Nach einer akuten Phase folgt meist ein Wechsel aus Remissionen (mit möglichen Rest-Symptomen) und Rückfällen – intensiveren, abgegrenzten Episoden, die als manisch, depressiv oder hypomanisch eingeordnet werden. Die Episoden können wenige Wochen bis zu 3–6 Monate dauern; wie oft sie auftreten, ist von Patient:in zu Patient:in sehr unterschiedlich.

Symptome der Bipolaren Störung

Die Symptome variieren stark je nach Phase.

Depressive Phase

  • Anhaltende Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit oder innere Leere
  • Verlust von Interesse oder Freude an früher schönen Aktivitäten
  • Veränderungen im Appetit und Schlafmuster
  • Müdigkeit und Energiemangel
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Schuldgefühle oder geringes Selbstwertgefühl

Manische Phase

  • Euphorie oder intensive Reizbarkeit
  • Deutlich erhöhtes Energie- und Aktivitätsniveau
  • Vermindertes Schlafbedürfnis ohne Müdigkeit
  • Schneller, kaum zu stoppender Gedankenfluss
  • Impulsives, riskantes Verhalten
  • Erhöhte sexuelle Aktivität
  • Schwierigkeiten, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren

Hypomanische Phase

Die hypomanische Phase ähnelt der manischen Phase, ist jedoch deutlich weniger schwerwiegend in ihren Auswirkungen auf den Alltag.

ADHS und Bipolare Störung: Gemeinsame Symptome

ADHS und Bipolare Störung teilen mehrere Symptome, darunter instabile Stimmungen, innere Unruhe, starken Redefluss, Ungeduld bei Aufgaben, Hyperaktivität und Konzentrationsschwierigkeiten. Genau diese Überlappung macht es manchmal schwierig, die beiden Störungen sicher zu unterscheiden. Auch die sogenannte Zyklothymie, eine mildere Form bipolarer Stimmungsschwankungen, wird deshalb häufig im gleichen Atemzug genannt.

Manische Episoden vs. ADHS-Energieschübe

Manische Episoden sind ein Symptom der Bipolaren Störung, gelten aber nicht als spezifisches Zeichen für ADHS. Menschen mit ADHS können zwar „Energieschübe“ oder Hyperaktivität erleben, die einer Manie ähneln – etwa Zappeln, Schwierigkeiten beim Stillsitzen oder Konzentrationsprobleme. Diese Energieschübe unterscheiden sich jedoch deutlich von einer echten manischen Episode: Bei Manie sprechen Betroffene oft auffällig mehr, schlafen deutlich weniger und erleben ein starkes Gefühl von Macht oder Grandiosität – teils über Wochen oder Monate. Am Ende einer solchen Phase kann eine Depression folgen, und der Wechsel zwischen Manie und Depression geschieht oft unabhängig von äußeren Ereignissen.

Unterschiede zwischen ADHS und Bipolarer Störung

ADHS ist in der Regel eine dauerhafte Bedingung, die Eltern und Lehrkräfte häufig schon in der frühen Kindheit bemerken; viele Diagnosen erfolgen um das 12. Lebensjahr oder früher, wenn Symptome die schulischen Leistungen beeinträchtigen. ADHS ist eine chronische Störung, die auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Die Bipolare Störung entwickelt sich dagegen meist erst nach der Pubertät – das Durchschnittsalter bei Diagnose liegt bei etwa 25 Jahren. Bei Kindern und Jugendlichen ist sie deutlich seltener als bei Erwachsenen.

Auch der Verlauf der Symptome unterscheidet sich deutlich: Während ADHS-Symptome relativ konstant über den Tag und über Jahre hinweg bestehen, treten die Symptome der Bipolaren Störung episodisch auf – mit klar abgegrenzten Phasen von Manie, Hypomanie oder Depression, zwischen denen auch symptomfreie oder symptomarme Zeiten liegen können. Diese Unterscheidung zwischen einem durchgehenden Muster und einem Wechsel aus Episoden gehört zu den wichtigsten Kriterien, an denen sich Fachleute bei der Abgrenzung orientieren. Auch die Familienanamnese kann hilfreich sein: Tritt eine der beiden Störungen bereits bei nahen Verwandten auf, lohnt es sich, im Diagnoseprozess gezielt auch auf die jeweils andere Störung zu achten.

Diagnose: Wie ADHS und Bipolare Störung gemeinsam erkannt werden

Warum beide Störungen häufiger gemeinsam auftreten, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt – bekannt ist jedoch, dass genetische Faktoren die Komorbiditätsrate erhöhen können. Weil ADHS und Bipolare Störung so viele Symptome teilen, braucht eine sichere Unterscheidung eine gründliche, mehrstufige Bewertung durch Fachleute.Dazu zählen typischerweise:

  • Klinische Anamnese: detaillierte Erhebung der Krankengeschichte, aktueller und vergangener Symptome, stressiger Lebensereignisse und Verhaltensmuster.
  • Bewertung der Symptome: genaue Einordnung von Art und Schweregrad – etwa Aufmerksamkeit und Impulsivität bei ADHS gegenüber Stimmungsschwankungen bei der Bipolaren Störung.
  • Ausschluss anderer Bedingungen: etwa Angststörungen oder Depressionen, die ähnliche Symptome verursachen können.
  • Direkte Beobachtung: des Verhaltens in unterschiedlichen Alltagssituationen.
  • Standardisierte Fragebögen: wie ASRS, BDI oder WURS, die Symptome objektiv erfassen helfen.

Bei GAM Medical erfolgt die ADHS-Diagnose deshalb in zwei Phasen: einer psychologischen Untersuchung sowie einer ergänzenden psychiatrischen Untersuchung. So lassen sich die spezifischen Symptome zuverlässig einordnen und ein individueller Behandlungsplan erstellen. Da Komorbiditäten wie eine Bipolare Störung oder auch ADHS und Depression den Behandlungsbedarf verändern können, lohnt sich bei Unsicherheit immer die Einschätzung durch erfahrene Fachleute.

Wenn Du bei Dir Anzeichen für ADHS und/oder eine Bipolare Störung vermutest, solltest Du in jedem Fall Fachleute konsultieren und von einer Selbstdiagnose absehen. Beide Störungen teilen so viele Symptome, dass eine Einschätzung ohne fachliche Untersuchung leicht zu Fehlschlüssen führt – in die eine wie die andere Richtung. Nur eine qualifizierte psychologische oder psychiatrische Abklärung kann verlässlich unterscheiden, was tatsächlich hinter Deinen Beschwerden steckt, und darauf aufbauend die richtige Unterstützung ermöglichen.

Behandlung: Warum die Reihenfolge wichtig ist

Bei einer Komorbidität aus ADHS und Bipolarer Störung entscheidet die Behandlungsreihenfolge oft über den Erfolg. In der Regel wird zunächst die Stimmung mit einem Stimmungsstabilisierer behandelt, bevor die ADHS-Symptome mit Stimulanzien wie Methylphenidat angegangen werden – denn Stimulanzien können bei einer noch nicht stabilisierten Bipolaren Störung das Risiko einer manischen Episode erhöhen.

Studien untermauern diesen Ansatz: Bei Personen, die zusätzlich einen Stimmungsstabilisierer einnahmen, lag das Rückfallrisiko unter Stimulanzien nahezu bei null – ohne diese Behandlung war es sechs- bis siebenfach erhöht. Erst wenn die Stimmung stabil ist, wird geprüft, ob ADHS-Symptome weiterhin bestehen, und Stimulanzien werden dann vorsichtig und niedrig dosiert ergänzt. Diese Entscheidung sollte ausschließlich in fachärztlicher Begleitung getroffen werden – ergänzend können Psychotherapie, Psychoedukation und feste Alltagsroutinen beide Störungen zusätzlich stabilisieren.

Auswirkungen auf Alltag und Beziehungen

Die Kombination aus wechselnden Stimmungen und dauerhaften Aufmerksamkeits- oder Impulsivitätsproblemen kann den Alltag stark beeinflussen: Arbeitsleistung, Schlaf und Energie schwanken oft stärker als bei nur einer der beiden Störungen. Auch Beziehungen geraten dadurch häufiger unter Druck, weil Nähe, Verlässlichkeit und emotionale Reaktionen für das Umfeld schwerer einzuschätzen sind. Ein offener Umgang mit der Diagnose – gegenüber Dir selbst und gegenüber nahestehenden Menschen – schafft hier oft mehr Verständnis als der Versuch, die Schwankungen zu verstecken.

Gemeinsame Ursachen: Was Gene und Umwelt beitragen

ADHS und Bipolare Störung treten nicht zufällig gemeinsam auf – Forschung deutet auf gemeinsame genetische und neurobiologische Grundlagen hin. Familienstudien zeigen, dass Verwandte von Menschen mit Bipolarer Störung ein erhöhtes Risiko für ADHS haben, und umgekehrt. Man vermutet, dass beide Störungen ähnliche Signalwege im Gehirn betreffen, insbesondere im Bereich der Dopamin- und Noradrenalin-Regulation, die für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Stimmung mitverantwortlich sind.

Neben genetischen Faktoren spielen auch Umwelteinflüsse eine Rolle: Chronischer Stress, belastende Erfahrungen in der Kindheit oder ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus können beide Störungen begünstigen oder ihre Symptome verstärken. Das bedeutet nicht, dass Du für die Entstehung „verantwortlich“ bist – vielmehr zeigt es, wie komplex das Zusammenspiel aus Veranlagung und Lebensumständen ist. Wer diesen Zusammenhang versteht, kann leichter akzeptieren, dass eine Doppeldiagnose keine persönliche Schwäche, sondern eine biologisch nachvollziehbare Realität ist.

Wann Du Dir Hilfe holen solltest

Manche Anzeichen sollten Dich dazu bewegen, zeitnah professionelle Unterstützung zu suchen – unabhängig davon, ob bereits eine Diagnose vorliegt. Dazu zählen plötzliche, starke Stimmungsschwankungen, die Deinen Alltag oder Deine Beziehungen ernsthaft beeinträchtigen, Phasen mit stark reduziertem Schlafbedürfnis über mehrere Tage, oder impulsives Verhalten, das Dich oder andere gefährdet. Wenn Du das Gefühl hast, die Kontrolle über Deine Stimmung komplett zu verlieren, oder Dir selbst etwas antun möchtest, wende Dich bitte umgehend an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Krisenberatungsstelle in Deiner Nähe.

Du musst nicht warten, bis „alles klar“ ist, um Dir Hilfe zu holen – gerade die Unsicherheit zwischen ADHS und Bipolarer Störung ist ein guter Grund, frühzeitig fachlichen Rat einzuholen. Je früher eine fundierte Einschätzung erfolgt, desto gezielter kann Dir geholfen werden.

Fazit: Klarheit statt Verwechslung

ADHS und Bipolare Störung können nebeneinander bestehen – und genau das macht eine sorgfältige, fachkundige Diagnose so wichtig. Wenn Du Dich in beiden Beschreibungen wiederfindest, ist das kein Grund zur Sorge, sondern ein guter Anlass, genauer hinzuschauen: Je klarer die Diagnose, desto gezielter kann die Behandlung ansetzen.

Informiere Dich jetzt unverbindlich über die ADHS-Diagnose bei GAM Medical und finde heraus, ob ADHS – allein oder in Kombination mit einer weiteren Störung – hinter Deinen Beschwerden stecken könnte. Du kannst dafür unseren kostenlosen Schnelltest nutzen, um eine erste Einschätzung zu erhalten, oder Dich in unserem Blog über weitere Themen rund um ADHS informieren.

Wenn Du persönliche Fragen hast, kannst Du außerdem jederzeit ein kostenloses Beratungsgespräch vereinbaren.

FAQ

Können ADHS und Bipolare Störung wirklich gleichzeitig auftreten?

Ja, das wird als Komorbidität bezeichnet und kommt vor, auch wenn die genauen Ursachen dafür noch nicht vollständig erklärt sind. Genetische Faktoren scheinen dabei eine Rolle zu spielen.

Was unterscheidet einen ADHS-Energieschub von einer manischen Episode?

ADHS-Energieschübe zeigen sich vor allem als Unruhe oder Konzentrationsprobleme, ohne stark verändertes Schlafbedürfnis oder Gefühle von Grandiosität. Eine manische Episode dauert dagegen oft Wochen bis Monate und geht mit deutlich weniger Schlaf und starkem Rededrang einher.

In welchem Alter werden ADHS und Bipolare Störung typischerweise diagnostiziert?

ADHS zeigt sich meist schon in der Kindheit, oft um das 12. Lebensjahr oder früher. Die Bipolare Störung wird dagegen meist erst nach der Pubertät erkannt, im Durchschnitt um das 25. Lebensjahr.

Warum ist die gemeinsame Diagnose beider Störungen so aufwendig?

Weil ADHS und Bipolare Störung viele Symptome teilen, braucht es eine gründliche Bewertung mit Anamnese, Verhaltensbeobachtung und standardisierten Fragebögen. Nur so lassen sich Fehldiagnosen vermeiden.

Wo kann ich mich auf ADHS und mögliche Komorbiditäten testen lassen?

Bei GAM Medical läuft die Diagnose zweistufig ab, mit psychologischer und psychiatrischer Untersuchung. Der kostenlose Online-Test kann dabei ein erster, unverbindlicher Schritt sein.

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Diagnose oder Beratung. Wenn Du Dich in den beschriebenen Herausforderungen wiedererkennst, teile diesen Artikel gerne mit anderen, die davon profitieren könnten.

Über Autor*innen

Bild von Svea Freude
Svea Freude

Svea Freude ist Psychologin (M.Sc.) mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie. Sie beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit ADHS und verwandten Themen. In ihren Beiträgen übersetzt sie aktuelle psychologische Forschung in verständliche, alltagsnahe Informationen für Betroffene und Angehörige.

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