Ein tiefer Blick in Neurobiologie, Psychologie und Alltag
Wenn Du mit ADHS lebst, kennst Du vielleicht dieses Gefühl: Eine Aufgabe steht an, Du weißt genau, dass Du sie erledigen musst, und Du willst es auch. Die Absicht ist da, die Motivation ist eigentlich vorhanden, und trotzdem passiert… nichts.
Statt in Bewegung zu kommen, fühlst Du Dich wie blockiert, gedanklich eingefroren oder innerlich festgebunden. Du möchtest anfangen, aber ein Teil in dir weigert sich. Du beobachtest Dich selbst dabei, wie die Zeit vergeht, und je mehr Du Dir vornimmst, etwas zu tun, desto weniger findest du den Start.
Dieses Erleben hat nichts mit Faulheit oder mangelndem Charakter zu tun. Es ist auch kein Anzeichen dafür, dass Du unorganisiert oder unreif bist. Im Gegenteil: Hinter diesem Muster steckt ein komplexes Zusammenspiel aus neurobiologischen Prozessen, psychologischen Faktoren und äußeren Bedingungen, die das ADHS-Gehirn in eine Art inneren Stillstand bringen. Viele Betroffene beschreiben diese Erfahrung als Prokrastination, andere als Aktivitätsparalyse oder als den sogenannten ADHS-Wartemodus. All diese Begriffe versuchen dasselbe Phänomen zu benennen:
die enorme Schwierigkeit, eine Handlung zu beginnen oder aufrechtzuerhalten, obwohl die Absicht eindeutig vorhanden ist.
Um besser zu verstehen, warum Dir das passiert, lohnt sich ein genauer Blick auf die Ursachen. Denn ADHS beeinflusst weit mehr als Deine Aufmerksamkeit. Es betrifft Deine Motivation, Deine Fähigkeit zu planen, Deine Emotionen, Deine Stressreaktionen, Deine Impulskontrolle und vor allem das Zusammenspiel dieser Bereiche. Wenn Du verstehst, was in Deinem Kopf passiert, kannst Du nicht nur mit mehr Mitgefühl auf Dich schauen, sondern auch lernen, welche Ansätze Dir im Alltag helfen können. In diesem ersten Teil geht es darum, Dich das „Warum“ hinter Deinen Schwierigkeiten verstehen zu lassen – tief, differenziert und fundiert.
ADHS ist kein Aufmerksamkeitsproblem – es ist ein Problem der Steuerung
Viele Menschen nehmen an, dass ADHS einfach bedeutet, sich schlecht konzentrieren zu können. Doch das greift viel zu kurz. ADHS betrifft vor allem die exekutiven Funktionen, also jene Fähigkeiten Deines Gehirns, die dafür verantwortlich sind, Handlungen zu planen, Prioritäten zu setzen, Informationen zu organisieren, Entscheidungen zu treffen und Aufgaben tatsächlich umzusetzen. Diese Funktionen sitzen überwiegend im präfrontalen Kortex, einem Bereich, der bei ADHS anders arbeitet als bei Menschen ohne ADHS.
Es ist nicht so, dass Du nicht weißt, wie man etwas tut. Es ist auch nicht so, dass Du nicht willst. Sondern Dein Gehirn kämpft an der Stelle, an der Entscheidung, Motivation und Handlung zusammentreffen sollten. Manchmal entsteht daraus ein Zustand, der sich wie ein inneres „Einfrieren“ anfühlt. Manchmal gleitest Du in eine Art mentalen Nebel, aus dem Du kaum herausfindest. Und manchmal spürst Du eine so starke innere Unruhe oder Überforderung, dass Du alles andere tust – außer das, was eigentlich ansteht.
Dieser Prozess beginnt jedoch nicht im Verhalten, sondern im Gehirn selbst.
Die Rolle von Dopamin – warum Motivation bei ADHS anders funktioniert
Einer der wichtigsten neurobiologischen Faktoren bei ADHS ist die Dopamindysregulation. Dopamin ist der Botenstoff, der dafür sorgt, dass Du Anreize wahrnehmen, Motivation entwickeln und Freude empfinden kannst. Es ist das chemische Signal, das Dir sagt: „Das ist wichtig, fang an“ oder „Das fühlt sich gut an, mach weiter“.
Bei ADHS ist die Dopaminaktivität herabgesetzt. Das bedeutet nicht, dass Du weniger Freude empfindest, sondern dass Dein Gehirn Aufgaben anders bewertet. Eine Aufgabe, die keinen unmittelbaren Reiz bietet, erscheint Deinem Gehirn nicht relevant genug, um Energie dafür zu aktivieren. Selbst wenn Du rational weißt, dass sie wichtig ist, fehlt der innere Antrieb. Deshalb fällt es Dir schwer, Dinge zu beginnen, die sich nicht direkt belohnend anfühlen oder die keinen starken emotionalen Kontext haben.
Während neurotypische Gehirne leichter zwischen wichtig und weniger wichtig unterscheiden, filtert das ADHS-Gehirn viel stärker über emotionale Bedeutung und unmittelbare Stimulation. Wenn etwas langweilig, komplex oder langwierig ist, rutscht es bei Dir tiefer in der Priorität – nicht, weil Du es nicht tun willst, sondern weil Dein Gehirn ihm nicht genügend Dopamin widmet, um den Startimpuls zu erzeugen.
Noradrenalin, Wachheit und die Schwierigkeit, Reize zu filtern
Neben Dopamin spielt auch das noradrenerge System eine große Rolle. Noradrenalin beeinflusst Wachheit, Reaktionsfähigkeit und die Fähigkeit, Reize zu sortieren. Bei ADHS arbeitet auch dieses System anders. Das führt dazu, dass Du entweder zu viele Reize gleichzeitig wahrnimmst oder Dich wie mental abgeschaltet fühlst. Beides macht es schwer, Aufgaben zu beginnen.
Wenn zu viele Eindrücke gleichzeitig im Gehirn ankommen, verlieren Prioritäten ihre Klarheit. Du weißt nicht mehr, womit Du anfangen sollst, und genau deshalb beginnst Du gar nicht. Dieses Gefühl wird manchmal als Entscheidungslähmung beschrieben, eine Art Überforderung der exekutiven Funktionen.
Das Stresssystem des Gehirns und die Aktivitätsparalyse
Ein weiterer entscheidender Aspekt ist das Stresssystem. Das ADHS-Gehirn reagiert stärker auf potenziell belastende Situationen. Aufgaben, die Druck erzeugen, können das sympathische Nervensystem aktivieren – jenes System, das für Kampf-, Flucht- oder Freeze-Reaktionen zuständig ist.
Viele Betroffene erleben hier die „Freeze“-Variante. Das bedeutet, dass Dein Gehirn Dich unterbewusst stoppt, weil die Aufgabe gefühlt eine Bedrohung darstellt: zu schwer, zu groß, zu unstrukturiert, zu unwichtig oder zu wichtig. Der Körper erstarrt, und Du weißt nicht, wie Du Dich daraus lösen sollst. Dieser Freeze-Zustand – oft als Aktivitätsparalyse beschrieben – ist keine Faulheit, sondern eine Schutzreaktion Deines Nervensystems.
Der ADHS-Wartemodus – wenn die Zukunft die Gegenwart blockiert
Ein besonders typisches Phänomen ist der sogenannte Wartemodus. Wenn später am Tag ein Termin, ein Anruf oder ein Ereignis ansteht, kann es passieren, dass Dein Gehirn alles andere blockiert. Du hast vielleicht mehrere Stunden Zeit, aber ein Teil von Dir wartet innerlich auf das, was bevorsteht. Du fühlst Dich unruhig, kannst Dich nicht auf andere Aufgaben einlassen und schiebst Dinge auf, obwohl eigentlich genug Zeit wäre.
Dieses Phänomen entsteht durch eine Kombination aus Angst, Dopamindysregulation und Schwierigkeiten mit Zeitwahrnehmung. Dein Gehirn neigt dazu, bevorstehende Ereignisse überzubewerten und sich darauf zu fixieren. Dadurch verliert die Gegenwart an Struktur. Dieser Zustand ist unangenehm, aber er ist normal für viele Menschen mit ADHS.
Psychologische Faktoren – Angst, Perfektionismus und die Kraft der Emotionen
Neben der Neurobiologie spielen emotionale und psychologische Aspekte eine ebenso wichtige Rolle. Menschen mit ADHS erleben Gefühle intensiver und unmittelbarer. Freude, Frust, Stress oder Scham haben bei ihnen oft eine stärkere Wirkung. Dadurch kann eine Aufgabe emotional größer erscheinen, als sie tatsächlich ist.
Viele ADHS-Betroffene kämpfen mit Versagensangst oder dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Sie möchten Dinge richtig machen und sich beweisen. Das führt oft zu Perfektionismus. Wenn Du den Anspruch hast, alles perfekt zu erledigen, blockiert Dich diese Erwartung besonders beim Start. Du wartest auf den „richtigen Moment“, auf die perfekte Stimmung oder auf die ideale Energie. Doch dieser Moment kommt selten, und die Aufgabe bleibt liegen.
Hinzu kommt, dass viele Erwachsene mit ADHS bereits jahrelange Erfahrungen mit Kritik, Unverständnis und Selbstzweifeln mit sich tragen. Wenn Du oft gehört hast, dass Du unzuverlässig bist oder Dich mehr anstrengen musst, kann sich ein Gefühl der Hilflosigkeit entwickeln. Du beginnst zu glauben, dass etwas mit Dir nicht stimmt. Diese negativen Glaubenssätze setzen sich tief im Selbstbild fest und verstärken die Blockade.
Umweltfaktoren – Reize, Ablenkungen und eine Welt, die selten ADHS-freundlich ist
Auch die Umgebung spielt eine große Rolle. Menschen mit ADHS sind reizoffener. Geräusche, Bewegungen, Gedanken, Gefühle oder digitale Impulse können den Fokus jederzeit verschieben. Eine Aufgabe, die Konzentration erfordert, kann abrupt unterbrochen werden, weil etwas anderes Deine Aufmerksamkeit fängt.
Wenn Deine Umgebung viele Ablenkungen hat oder wenig Struktur bietet, kämpfst Du doppelt. Und selbst die beste Absicht kann von einem kleinen Reiz durchbrochen werden, wenn Dein Gehirn ohnehin unter Dopaminmangel leidet.
Die Diskrepanz zwischen Absicht und Handlung – das Grundproblem verstehen
Viele Menschen mit ADHS berichten, dass sie eigentlich genau wissen, was zu tun wäre. Sie wissen sogar, wie sie es tun könnten. Und sie möchten es tun. Aber sie können es nicht in die Tat umsetzen. Diese Lücke zwischen Wissen und Handeln ist das eigentliche Kernproblem. Sie entsteht nicht aus Trotz oder mangelndem Willen, sondern aus einer Kombination neurologischer und psychologischer Hürden.
Wenn Du das erkennst, verändert sich Deine Perspektive. Du hörst auf, Dir selbst Vorwürfe zu machen.
Du beginnst zu verstehen: „Es liegt nicht daran, dass ich nicht will – es liegt daran, dass mein Gehirn anders arbeitet.“
Wie es weitergeht
Wenn Du diese Muster in Dir wiedererkennst, kannst Du lernen, sie zu beeinflussen. Verständnis ist der erste Schritt, Veränderung der zweite. Genau darum geht es in unserem zweiten Artikel zum Thema Prokrastination. Dort erfährst Du, wie Du konkrete Strategien einsetzen kannst, um Prokrastination zu überwinden, die Aktivitätsparalyse zu durchbrechen und den Wartemodus zu verlassen. Du wirst lernen, Dein Nervensystem zu beruhigen, Deine Motivation zu aktivieren und Deine Aufgaben so zu strukturieren, dass Dein ADHS-Gehirn mit Dir arbeitet – und nicht gegen Dich.
Wenn dich das interessiert, klicke dafür gerne aus den folgenden Link:
„ADHS-Prokrastination überwinden – Die wirksamsten Strategien, um endlich ins Handeln zu kommen”
Was kann Gam Medical für dich tun?
Wenn Du Dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, kann es sehr hilfreich sein, professionelle Unterstützung zu bekommen. ADHS ist eine neurologische Besonderheit – und keine Frage von Willenskraft.
Wenn Du auf der Suche nach weiteren Tipps zum Umgang mit ADHS bist, kannst Du die Artikel im Blog von GAM Medical lesen. BLOG GAM MEDICAL
Bei GAM Medical, unserer Online-Klinik für Erwachsene mit ADHS, findest Du ein Team aus erfahrenen Psycholog:innen und Psychiater:innen, die Dich auf diesem Weg begleiten können.
Eine fundierte ADHS-Diagnose ist oft der erste Schritt, um Deine eigenen Muster zu verstehen und gezielte Strategien zu entwickeln. Wenn Du bereit bist, Dich selbst besser kennenzulernen und endlich mehr Leichtigkeit in Deinen Alltag zu bringen, könnte GAM Medical genau der richtige Partner an Deiner Seite sein.
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