ADHS ist eine komplexe, neurobiologische Bedingung, die seit Jahrzehnten Gegenstand intensiver Forschung ist. Besonders häufig wird die Frage gestellt, ob ADHS vererbbar ist – also spielen genetische Faktoren eine entscheidende Rolle.
Während es keine einzelne Hauptursache für ADHS gibt, zeigen zahlreiche Studien, dass sowohl genetische Veranlagung als auch Umwelteinflüsse zur Entwicklung beitragen. In diesem Artikel erfährst du, was die Forschung heute über die genetischen Ursachen von ADHS, die familiäre Häufung, den Einfluss von Umweltfaktoren und die aktuell bekannten Risikofaktoren weiß.
Die genetische Komponente von ADHS
Die Genetik von ADHS ist ein zentrales Forschungsfeld, das in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht hat. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es eine starke genetische Komponente bei ADHS gibt – das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, ADHS zu entwickeln, deutlich höher ist, wenn ein naher Verwandter ebenfalls betroffen ist.
ADHS wird als polygenetische Störung betrachtet. Das heißt, es gibt kein einzelnes „ADHS-Gen“, sondern viele verschiedene Gene, die zusammenwirken und jeweils einen kleinen Einfluss haben. Diese Kombination führt zu individuellen Ausprägungen, weshalb sich ADHS bei jedem Menschen etwas anders zeigt.
Viele der beteiligten Gene stehen in Zusammenhang mit der Regulierung von Neurotransmittern – insbesondere Dopamin –, die für Aufmerksamkeit, Motivation und Impulskontrolle entscheidend sind. Die Forschung schreitet hier rasant voran: Wissenschaftler sind der Identifizierung der spezifischen genetischen Marker, die die Anfälligkeit für ADHS erhöhen, so nah wie nie zuvor.
Familiäre Häufung: Wenn ADHS in der Familie liegt
Studien zeigen klar, dass ADHS innerhalb von Familien gehäuft auftritt. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 fand heraus, dass Menschen mit ADHS viermal häufiger einen Verwandten mit derselben Störung haben als Personen ohne ADHS. Auch die genetische Grundlage ist eindeutig: Die allgemeine Erblichkeit von ADHS liegt bei 70–80 %, was ADHS zu einer der am stärksten genetisch beeinflussten psychischen Störungen macht.
Auch die familiäre Weitergabe über Generationen ist deutlich: Etwa ein Drittel der Väter, die in ihrer Kindheit ADHS hatten, haben ein Kind, das ebenfalls betroffen ist. Weitere Analysen belegen, dass bei Familien ohne ADHS-Eltern nur etwa 11 % der Kinder betroffen sind – dieser Anteil steigt jedoch auf 34 %, wenn mindestens ein Elternteil die Störung hat. Insgesamt zeigt sich: Wenn ein Elternteil ADHS hat, liegt das Risiko für das Kind bei 40–60 %.
Besonders interessant ist, dass das Risiko bei mütterlicher ADHS-Diagnose leicht erhöht zu sein scheint – hier liegen die Schätzungen bei rund 50–60 %. Sind hingegen beide Elternteile betroffen, steigt die Wahrscheinlichkeit sogar auf über 70 %, was die starke genetische Komponente zusätzlich unterstreicht.
Diese Daten bestätigen eine starke genetische Veranlagung, die jedoch nicht allein bestimmend ist. Denn ob und wie sich ADHS tatsächlich zeigt, hängt immer auch von Umwelt- und Lebensbedingungen ab.
Erblichkeitsfaktor: Was sagt die Forschung?
Forschende quantifizieren die genetische Komponente mithilfe des sogenannten Erblichkeitsfaktors. Bei ADHS liegt dieser bei rund 0,77 – also etwa 77 %. Das bedeutet: Rund drei Viertel der individuellen Unterschiede in Bezug auf ADHS lassen sich auf genetische Faktoren zurückführen.
Dieser Wert zeigt, dass die Gene einen sehr starken Einfluss haben – aber nicht den einzigen. Etwa 23 % werden durch nicht-genetische Einflüsse, wie pränatale oder psychosoziale Faktoren, bestimmt.
Zwillingsstudien: Ein direkter Blick auf die Gene
Besonders aussagekräftig sind Zwillingsstudien, da sie zeigen, wie stark Gene tatsächlich wirken. Bei eineiigen Zwillingen, die 100 % ihres Erbguts teilen, tritt ADHS in beiden Fällen deutlich häufiger auf als bei zweieiigen Zwillingen, die nur 50 % der Gene gemeinsam haben.
Während eineiige Zwillinge oft beide ADHS haben, zeigt sich bei zweieiigen nur in etwa 17 % der Fälle eine doppelte Betroffenheit. Diese Diskrepanz ist ein klarer Hinweis auf den genetischen Einfluss – gleichzeitig aber auch ein Zeichen, dass Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen.
Genetik vs. Erziehung: Die alte Debatte
Eine häufig gestellte Frage lautet: „Ist ADHS nicht vielleicht auch eine Folge von Erziehung?“ Die Antwort der Forschung ist eindeutig: Nein – ADHS entsteht nicht durch Erziehungsfehler.
Natürlich kann die familiäre Umgebung das Verhalten und die Symptomatik beeinflussen, aber der Ursprung der Störung liegt nicht in der Erziehung. Wäre sie die Hauptursache, müsste ADHS bei Stiefgeschwistern, die in derselben Umgebung aufwachsen, genauso häufig vorkommen wie bei leiblichen Geschwistern – das ist jedoch nicht der Fall.
Studien an Adoptivkindern zeigen zusätzlich, dass ADHS-Symptome häufiger bei biologischen Eltern auftreten als bei Adoptiveltern. Damit wird klar: Die genetische Veranlagung ist der Hauptfaktor – die Umwelt wirkt eher verstärkend oder abschwächend auf das Risiko.
Epigenetik: Wenn Umwelt Gene „anschaltet“
Auch wenn Gene den Rahmen vorgeben, kann die Umwelt darüber entscheiden, ob und wie diese Gene aktiv werden. Die Epigenetik beschäftigt sich genau damit – also mit der Frage, wie äußere Einflüsse wie Stress, Ernährung, Schlafmangel oder Umweltgifte die Genexpression verändern, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern.
Beispielsweise kann chronischer Stress während der Schwangerschaft oder eine Exposition gegenüber Umweltgiften dazu führen, dass Gene, die für Aufmerksamkeit und Impulskontrolle wichtig sind, anders reguliert werden. Diese Veränderungen können das ADHS-Risiko erhöhen, insbesondere in sensiblen Entwicklungsphasen.
Umwelt- und pränatale Risikofaktoren
Neben genetischen Einflüssen gibt es eine Reihe von Umweltfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für ADHS erhöhen können:
- Substanzkonsum während der Schwangerschaft: Die pränatale Exposition gegenüber Nikotin, Alkohol oder Drogen (z. B. Opiaten oder Opioiden) kann das Risiko verdoppeln, dass ein Kind ADHS entwickelt.
- Toxische Umweltstoffe: Eine Exposition gegenüber Blei oder anderen Schadstoffen wurde wiederholt mit ADHS-Symptomen in Verbindung gebracht.
- Komplikationen bei Geburt und Schwangerschaft: Niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburt oder Geburtskomplikationen können die Gehirnentwicklung beeinflussen.
- Hirnverletzungen: Schädel-Hirn-Traumata (SHT) sind ein weiterer Risikofaktor – Studien zeigen, dass 62 % der Kinder mit SHT später ADHS entwickeln, im Vergleich zu 15 % ohne Trauma.
- Psychosoziale Belastungen: Familiärer Stress, Konflikte oder instabile Lebensbedingungen können die Ausprägung und Schwere der Symptome beeinflussen.
Diese Faktoren erklären, warum selbst in Familien mit ADHS-Vorgeschichte nicht jedes Kind betroffen ist – und umgekehrt ADHS auch bei Menschen ohne familiäre Belastung auftreten kann.
ADHS in der Familie: Einfluss elterlicher Vorbilder
Auch wenn ADHS nicht direkt „von der Mutter oder dem Vater“ vererbt wird, kann das familiäre Umfeld eine Rolle bei der Symptomentwicklung spielen. Kinder lernen durch Beobachtung – und wenn Eltern aufgrund ihres eigenen ADHS impulsive oder hyperaktive Verhaltensmuster zeigen, übernehmen Kinder diese leichter.
Gleichzeitig kann eine unstrukturierte oder überforderte Familiendynamik die Symptomatik verstärken. Wenn Eltern ihre eigenen ADHS-Symptome nicht gut regulieren können, fehlt oft die notwendige Konsequenz und Struktur in der Erziehung, was wiederum Impulsivität oder Unruhe beim Kind fördern kann.
Das bedeutet jedoch nicht, dass dies unvermeidlich ist: Mit Aufklärung, therapeutischer Unterstützung und einer stabilen familiären Umgebung lässt sich das Risiko deutlich verringern.
Fazit: ADHS – das Zusammenspiel von Genen, Umwelt und Erfahrung
ADHS ist weder reine Vererbung noch reine Erziehungssache.
Die Forschung zeigt deutlich: Etwa drei Viertel des Risikos lassen sich auf genetische Einflüsse zurückführen, während ein Viertel von Umweltfaktoren und individuellen Erfahrungen abhängt.
Die Kombination dieser Faktoren erklärt, warum ADHS in Familien gehäuft vorkommt, aber nicht zwangsläufig an jedes Kind weitergegeben wird. Die moderne Wissenschaft, insbesondere die Epigenetik, hilft immer besser zu verstehen, wie Gene und Umwelt zusammenwirken – und eröffnet neue Wege für Prävention, Therapie und Aufklärung.
Warum eine Diagnose so wichtig ist – was wir bei GAM Medical tun können
Wenn in deiner Familie bereits ADHS vorkommt, kann es hilfreich sein, eine fachärztliche oder psychologische Abklärung vorzunehmen – auch dann, wenn du nur den Verdacht hast, betroffen zu sein.
Eine frühe und genaue ADHS-Diagnose ermöglicht eine gezielte Behandlung, bevor sich Symptome verfestigen oder negative Folgen für den Alltag und die Psyche entstehen.
GAM Medical ist eine Online-Klinik, die sich auf die Diagnose und Behandlung von ADHS bei Erwachsenen spezialisiert hat. Der ADHS-Diagnoseprozess besteht aus einer psychologischen Bewertung und eine psychologischen Gutachten, um ein möglichst vollständiges Bild zu erhalten. Das Ziel: dir zu helfen, die Ursachen deiner Symptome zu verstehen und passende Strategien zur Bewältigung zu entwickeln.
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